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Strongman: Was wir von Eddie Hall (500 kg, Stärkster Mann der Welt 2017) über Muskeln und Sehnen lernen

Männer beim Kreuzheben im Fitnessstudio, im Hintergrund Muskeltafeln und ein Trainer mit Klemmbrett.

In vielen Kulturen weltweit gilt die Entwicklung „übermenschlicher“ Kraft und Power seit jeher als etwas Bewundernswertes.

Das hängt vermutlich damit zusammen, dass diese Eigenschaften in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen eine grosse Rolle spielten – von der Vor- und Frühgeschichte bis heute: beim Jagen und Sammeln, beim Errichten grosser Bauwerke und Monumente, im Krieg und in jüngerer Zeit auch im Sport.

Möglicherweise zeigt sich der aktuelle Höhepunkt menschlicher Kraft und Explosivität am deutlichsten in der Sportart Strongman.

Was ist Strongman?

Strongman wird zunehmend populär. Inzwischen gibt es Wettkämpfe auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene – und zwar für Männer und Frauen, in verschiedenen Alters- und Gewichtsklassen.

Sowohl im Training als auch im Wettkampf gehören klassische Langhantelübungen meist fest dazu, etwa Kniebeugen, Kreuzheben und Drückvarianten. Ergänzt wird das durch typische Strongman-Disziplinen.

Diese spezifischen Strongman-Events – zum Beispiel Fahrzeugziehen, Farmer’s Walk, Sandbag-/Keg-Wurf oder das Heben von Steinen – verlangen den Athletinnen und Athleten ab, unhandliche und sehr schwere Geräte zu bewegen: entweder höher, schneller oder mit mehr Wiederholungen innerhalb eines vorgegebenen Zeitfensters als die Konkurrenz.

Forschung zu einem der ganz Grossen

Seit der Einführung des Wettbewerbs „Stärkster Mann der Welt“ Ende der 1970er-Jahre hat sich Strongman stark verbreitet und weiterentwickelt.

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es jedoch nur wenige veröffentlichte Untersuchungen, die sich mit Sportlerinnen und Sportlern auf absolutem Elite-Niveau befassen.

Vor allem ist bisher wenig darüber bekannt, wie gross die gesamte Muskelmasse dieser Athleten ist, wie sich diese Masse auf einzelne Muskeln verteilt und in welchem Ausmass sich ihre Sehneneigenschaften von denen nicht trainierender Menschen unterscheiden.

Eine neuere Studie wollte genau hier ansetzen und etwas Licht in die Besonderheiten dieser Extremathleten bringen. Untersucht wurden Muskel- und Sehnenmorphologie (also Aufbau und Struktur) eines der stärksten Männer aller Zeiten: des Engländers Eddie Hall.

Dass man eine aussergewöhnlich starke Person wie Hall vermessen konnte – er stellte mit 500 kg im Kreuzheben einen Weltrekord auf und gewann 2017 den Wettbewerb „Stärkster Mann der Welt“ – eröffnete die Chance, gezielt zu verstehen, welche Muskel- und Sehnenmerkmale zu seiner enormen Kraft beigetragen haben könnten.

Was können wir aus einer einzelnen Fallstudie lernen?

Nur wenige Athletinnen und Athleten erreichen im Strongman überhaupt die absolute Weltspitze – und noch seltener werden Weltrekorde aufgestellt oder die wichtigsten Veranstaltungen gewonnen.

Weil es so schwierig ist, auch nur eine kleine Gruppe dieser seltenen Elite zu rekrutieren, bot eine Fallstudie mit einem Top-Strongman eine besondere Gelegenheit, mehr über dessen Muskel- und Sehneneigenschaften herauszufinden.

Fallstudien haben allerdings klare Grenzen: Sie erlauben weder sichere Aussagen zu Ursache und Wirkung, noch lassen sich Ergebnisse ohne Weiteres auf andere Personen derselben Gruppe übertragen.

Trotzdem lieferte die Untersuchung von Hall wertvolle Hinweise, weil seine Muskel- und Sehnenwerte direkt mit mehreren Gruppen aus früheren Publikationen der Autorinnen und Autoren verglichen werden konnten.

Zu diesen Vergleichsgruppen gehörten untrainierte Personen, Menschen mit mehrjährigem regelmässigem Krafttraining sowie leistungsorientierte Bahn-Sprinter.

Durch diese Vergleichspopulationen liess sich aussagekräftiger einordnen, was an Halls Muskel- und Sehnenprofil so aussergewöhnlich ist.

Was sie herausfanden

Die Muskulatur in Halls Unterkörper war nahezu doppelt so gross wie bei einer untrainierten Gruppe gesunder, aktiver junger Männer.

Auch die Verteilung seiner Muskelmasse im Unterkörper zeigte ein sehr charakteristisches Muster.

Drei lange, schlanke Muskeln – als „Abspannseile“ bezeichnet – waren besonders stark ausgeprägt und im Vergleich zu Untrainierten etwa 2,5- bis dreimal so gross.

Diese „Abspannseil“-Muskeln setzen über eine gemeinsame Sehne am Schienbein an. Sie stabilisieren Oberschenkel und Hüfte, indem sie fächerförmig auseinanderlaufen und an verschiedenen Punkten am Becken befestigt sind.

Sehr stark entwickelte „Abspannseil“-Muskeln sollten folglich zusätzliche Stabilität beim schweren Heben, Tragen und Ziehen ermöglichen.

Die Struktur von Halls Oberschenkelmuskulatur (Quadrizeps) war mehr als doppelt so ausgeprägt wie bei Untrainierten – die am Knie ansetzende Sehne, die mit dieser Muskelgruppe verbunden ist, war dagegen nur um 30 % grösser als in der untrainierten Vergleichsgruppe.

Das deutet darauf hin, dass in diesem Extremfall einer sehr starken Quadrizeps-Entwicklung Muskel- und Sehnenwachstum nicht in gleichem Ausmass stattfinden.

Was bedeuten die Ergebnisse?

Die naheliegende Schlussfolgerung lautet: Je grösser die jeweils entscheidenden Muskeln, desto höher ist das Potenzial für Kraft und Power.

Gleichzeitig erfordern Sportarten wie Strongman – und sogar alltägliche Dinge wie Treppensteigen, Einkaufstaschen tragen oder Gegenstände vom Boden aufheben – das Zusammenspiel vieler stabilisierender Muskeln ebenso wie grosser „Antriebsmuskeln“ wie dem Quadrizeps.

Obwohl Halls Quadrizeps deutlich grösser war als bei Untrainierten, zeigten sich die grössten relativen Unterschiede bei den Waden und bei den langen, schlanken „Abspannseil“-Muskeln, die Hüfte und Knie stabilisieren.

Damit stellt sich die Frage, ob zusätzliches oder gezielteres Training dieser kleineren Muskeln Kraft und Power noch weiter steigern könnte.

Davon könnten nicht nur Strongman-Athletinnen und -Athleten profitieren, sondern auch Menschen im Alltag.

Ausserdem legt der vergleichsweise geringe Unterschied in der Sehnengrösse zwischen Hall und Untrainierten nahe, dass Sehnen nicht im selben Ausmass wachsen wie Muskeln.

Da Muskelkräfte über Sehnen auf die Knochen übertragen werden, könnte das deutlich stärkere Muskel- im Vergleich zum Sehnenwachstum bedeuten, dass Athleten wie Hall ein relativ höheres Risiko für Sehnen- als für Muskelverletzungen tragen.

Diese Einschätzung passt teilweise zu dem hohen Anteil an gemeldeten Sehnenentzündungen und Zerrungen bei Kraftsportlerinnen und -sportlern, einschliesslich Strongman und Gewichtheben.

Justin Keogh, Associate Dean of Research, Faculty of Health Sciences and Medicine, Bond University, und Tom Balshaw, Lecturer in Kinesiology, Strength and Conditioning, Loughborough University

Dieser Artikel wurde unter einer CC-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.


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