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Studie: Tirzepatide senkt das Risiko für diabetische Retinopathie bei Typ-2-Diabetes

Zwei Frauen in einem Augenarztpraxis, Blick auf Computermonitor mit Netzhautbildern und medizinischen Geräten.

Jeder, der ein Medikament zur Gewichtsreduktion wie Ozempic, Wegovy, Mounjaro oder Zepbound einnimmt, hat vermutlich schon den Hinweis bekommen, die Augen besonders im Blick zu behalten. Diese Präparate senken den Blutzucker teils rasch – und schnelle Abfälle können die empfindlichen Gefässe im hinteren Augenabschnitt belasten.

Zwei grosse klinische Studien weckten diese Sorge bei semaglutide, und die Warnung wurde danach nahezu Standard. Bei tirzepatide entstand die Befürchtung eher indirekt: Das Mittel gehört zur gleichen Wirkstofffamilie und greift in weiten Teilen an ähnlichen biologischen Mechanismen an.

Eine neue Untersuchung mit 174.000 Patientinnen und Patienten zeigt nun, dass diese Annahme nicht zutrifft.

Ursprung der Sorge

Diabetische Retinopathie entsteht, wenn über längere Zeit erhöhte Blutzuckerwerte die winzigen Blutgefässe schädigen, die die Netzhaut im hinteren Bereich des Auges versorgen. Die Erkrankung kann über Jahre unbemerkt bleiben und sich dann zu Undichtigkeiten, Schwellungen und in fortgeschrittenen Stadien bis hin zur Erblindung entwickeln.

Laut einer aktuellen Arbeit zur Verbreitung in den USA leben dort etwa 10 Millionen Menschen mit einer Form dieser Erkrankung. Sie zählt weiterhin zu den häufigsten Ursachen für Sehverlust bei Erwachsenen im Erwerbsalter.

Die spezifische Augenwarnung im Zusammenhang mit Medikamenten zur Gewichtsabnahme geht auf zwei umfangreiche Studien zu semaglutide zurück. Bei Teilnehmenden unter dem Medikament verschlechterte sich die Retinopathie vorübergehend; die Forschenden führten dies darauf zurück, dass der Blutzucker zu schnell sank.

Dr. Szilárd Kiss, Augenarzt an der Weill Cornell Medicine in New York, beobachtete bei Patientinnen und Patienten unter tirzepatide – vermarktet als Mounjaro und Zepbound – gezielt, ob sich ein ähnliches Muster zeigt. In seiner Praxis fand er dafür jedoch keine Hinweise.

„Wir sahen weniger Patientinnen und Patienten, bei denen sich die Retinopathie unter tirzepatide verschlechterte“, sagte Kiss. Dieser klinische Eindruck veranlasste ihn, die Frage mit Versorgungsdaten im grossen Massstab zu prüfen.

Daten aus vielen Versorgungssystemen

Um zu testen, ob sich der Eindruck in der Breite bestätigt, wertete das Team von Kiss elektronische Gesundheitsakten aus 70 Gesundheitssystemen in den USA aus. Am Ende umfasste die Kohorte rund 174.000 Personen mit Typ-2-Diabetes, die übergewichtig waren oder Adipositas hatten.

Die Forschenden teilten die Gruppe in zwei gleich grosse Teile. Eine Hälfte begann mit tirzepatide, die andere setzte ausschliesslich auf Lebensstil-Massnahmen – Ernährungstherapie und Bewegungsberatung –, ohne ein Medikament zur Gewichtsabnahme.

Beide Gruppen wurden nach Alter, Geschlecht, vorbestehenden Augenerkrankungen und weiteren Gesundheitsmerkmalen statistisch angeglichen, um den Vergleich im Rahmen einer Datenbankstudie möglichst sauber zu halten. Anschliessend verfolgte das Team über die folgenden 12 Monate, wie sich die Augenbefunde in beiden Gruppen entwickelten.

Tirzepatide und Augenerkrankungen

Nach 12 Monaten zeigte die tirzepatide-Gruppe bei nahezu allen Kennzahlen weniger neu auftretende und weniger fortschreitende Augenerkrankungen. Eine milde frühe Retinopathie trat bei etwa 0,5 % dieser Patientinnen und Patienten auf, gegenüber über 1 % in der Kontrollgruppe.

Auch bei gefährlicheren Stadien blieb der Vorteil bestehen. Das Risiko für die proliferative Form – bei der abnorme neue Gefässe über die Netzhaut wachsen – lag um etwa 30 % niedriger.

Das Risiko einer Flüssigkeitsschwellung im Zentrum der Netzhaut sank um ungefähr 40 %. Blutungen in das Gel, das den Augapfel ausfüllt, sowie eine schwerere Form der Netzhautablösung traten in der tirzepatide-Gruppe ebenfalls seltener auf.

Auch der Bedarf an den zwei wichtigsten „Rettungs“-Eingriffen nahm ab: Es waren weniger Laserbehandlungen nötig, um geschädigte Gefässe zu verschliessen, und es wurden weniger Injektionen benötigt, die das unkontrollierte Gefässwachstum bremsen.

Zwei Wirkstoffe, unterschiedliche Entwicklung

Sowohl semaglutide als auch tirzepatide wirken über GLP-1 – ein Hormon, das der Darm nach Mahlzeiten freisetzt und das die Bauchspeicheldrüse dazu anregt, mehr Insulin zu bilden. Dadurch sinken Blutzucker und Körpergewicht.

Tirzepatide geht jedoch einen Schritt weiter: Es aktiviert zusätzlich einen zweiten Hormon-Signalweg, den semaglutide nicht anspricht. Dieses zweite Signal scheint die Insulinempfindlichkeit des Körpers zu verbessern und kann zusätzlichen Gewichtsverlust fördern.

Eine kleinere europäische Studie, die im vergangenen Sommer veröffentlicht wurde, hatte angedeutet, tirzepatide könne dennoch dieselbe frühe Verschlechterung der Retinopathie verursachen, wie sie bei semaglutide beobachtet worden war. In der deutlich grösseren US-Kohorte dieser Analyse zeigte sich dieses Signal jedoch nicht.

Als mögliche Erklärung gilt, dass tirzepatide den Blutzucker gradueller absenkt und damit weniger Stress auf die Netzhautgefässe ausübt. Eine andere Hypothese ist, dass der zweite Hormonweg die kleinen Gefässe im Auge direkt schützt – anhand der bisherigen Daten lassen sich diese beiden Möglichkeiten noch nicht voneinander trennen.

Grenzen der Evidenz

Die Auswertung basierte auf Gesundheitsakten und nicht auf Netzhaut-Scans. Augenerkrankungen wurden über Abrechnungs- und Diagnosecodes identifiziert – ein Vorgehen, das sowohl Fälle übersehen als auch fälschlich erfassen kann.

Zudem ist der Zeitraum von 12 Monaten kurz. Tirzepatide ist erst seit wenigen Jahren verfügbar; langsamere Netzhautveränderungen, die sich erst später unter der Behandlung zeigen, wären in diesen Daten noch nicht zu erkennen.

Ausserdem gab es keine Randomisierung. Menschen, die Medikamente zur Gewichtsabnahme nutzen, können sich in nicht vollständig messbaren Punkten von jenen unterscheiden, die darauf verzichten – selbst wenn die Gruppen statistisch gematcht werden.

Was sich jetzt ändert

Ärztinnen und Ärzte, die diese Präparate verordnen, haben bislang den metabolischen Nutzen gegen eine mögliche Netzhautgefährdung abgewogen. Für tirzepatide hält die befürchtete Zunahme des Risikos nicht stand – die Daten sprechen eher für weniger Retinopathie statt für mehr.

Für Menschen mit Diabetes, bei denen bereits eine frühe Augenerkrankung besteht, ist die Konsequenz greifbar: Tirzepatide lässt die Augen nicht nur „in Ruhe“, sondern scheint die Wahrscheinlichkeit zu senken, dass eine Lasertherapie oder wiederholte Injektionen erforderlich werden.

Medikamente aus derselben Klasse können die Netzhaut unterschiedlich beeinflussen. Diese Unterscheidung ist relevant für Patientinnen und Patienten sowie für Verordnende, wenn das Thema Netzhautrisiko eine Rolle spielt – tirzepatide und semaglutide sind in dieser Hinsicht nicht austauschbar.

Kiss’ Team will die Untersuchungen fortsetzen. In der nächsten Phase sollen Patientenakten mit Netzhautbildern sowie Messungen der Netzhautdicke kombiniert werden – Details, die sich allein aus Diagnosecodes nicht zuverlässig ableiten lassen.

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