Seit Jahrzehnten wird Abnehmen oft als einfache Frage von Motivation und persönlicher Entscheidung dargestellt. Aktuelle Studien und die Erfahrungen von Klinikerinnen und Klinikern aus der Praxis zeichnen jedoch ein deutlich komplexeres Bild: Gehirn, Gene und unser Umfeld lenken das Ergebnis häufig im Hintergrund.
Der Mythos der Willenskraft beim Abnehmen
Kampagnen der öffentlichen Gesundheit wiederholen bis heute häufig dieselbe Botschaft: weniger essen, mehr bewegen, sich stärker anstrengen. Die unausgesprochene Härte dahinter ist klar: Wer nicht abnimmt, hat sich angeblich nur nicht genug bemüht.
Umfragen zeigen regelmässig, dass viele Menschen Adipositas nahezu vollständig als Folge des Lebensstils betrachten. Eine von der BBC aufgegriffene internationale Befragung in Grossbritannien, Australien, den USA und Neuseeland ergab, dass ungefähr acht von zehn Befragten Übergewicht ausschliesslich mit persönlichem Verhalten in Verbindung brachten.
Fachleute, die täglich mit Patientinnen und Patienten arbeiten, erleben oft etwas anderes. Bini Suresh, Leiterin der Diätetik an der Cleveland Clinic in London, hat über Jahre hinweg Menschen begleitet, die sehr motiviert waren, ihre Ernährung sorgfältig dokumentierten, zuverlässig zu Terminen kamen und an Bewegungseinheiten teilnahmen. Dennoch taten sich einige schwer, überhaupt Gewicht zu verlieren, oder nahmen es nach kurzer Zeit wieder zu.
Wenn engagierte, gut organisierte Patientinnen und Patienten trotz „alles richtig machen“ auf der Stelle treten, gerät die einfache Moralerzählung von Willenskraft ins Wanken.
Auch Dr. Kim Boyd, Medical Director bei WeightWatchers, warnt davor, Adipositas auf reine Disziplin zu reduzieren. Sie beschreibt Übergewicht als multifaktorielle Erkrankung: Nicht nur Entscheidungen spielen eine Rolle, sondern ebenso Biologie, Psyche und ein Umfeld, das Verhalten auf starke Weise beeinflusst.
Was die Wissenschaft tatsächlich zeigt: Gehirn, Proteine und Körpergewicht
Neuere genetische Forschung liefert für dieses Bild zunehmend präzise Details. Eine grosse Studie unter Leitung des Forschers Guillaume Gagnon und Kolleginnen und Kollegen, veröffentlicht in der Zeitschrift iScience, wertete genetische und gesundheitliche Daten von mehr als 800.000 Menschen aus. Im Fokus standen nicht nur Fett- oder Muskelanteile – das Team richtete den Blick gezielt auf das Gehirn.
Die Forschenden fanden rund 60 Hirnproteine, die offenbar an der Steuerung des Körpergewichts beteiligt sind. Viele davon sind im dorsolateralen präfrontalen Kortex aktiv, einer Region, die mit Planung, Impulskontrolle und Entscheidungsfindung zusammenhängt. Weitere sitzen in Strukturen, die Hunger- und Sättigungssignale aus dem Darm aufnehmen.
Einige Proteine wie ADCY3 und DOC2A beeinflussen vermutlich, wie intensiv wir Hunger empfinden, wie schnell Sättigung einsetzt und wie stark wir auf verlockende Lebensmittel reagieren. Kleine genetische Unterschiede können die Funktion dieser Proteine verändern. Das kann sich in stärkeren Essgelüsten, schwächeren Sättigungssignalen oder Verschiebungen darin zeigen, wie der Körper Energie nutzt und speichert.
Zwei Menschen können denselben Ernährungs- und Bewegungsplan befolgen und dennoch völlig unterschiedliche Mengen an Gewicht verlieren, weil ihr Gehirn und ihre Gene nach unterschiedlichen Regeln spielen.
Die Ergebnisse stützen die Idee eines Gewichts-„Sollwerts“ beziehungsweise „Einpendelpunkts“. Nach dieser Theorie versucht das Gehirn, das Gewicht in einem Bereich zu halten, der dem Körper als sicher erscheint. Sinkt das Gewicht rasch, wird das als Gefahr interpretiert: Hormone verändern sich, der Appetit steigt, und der Stoffwechsel fährt herunter, sodass in Ruhe weniger Kalorien verbrannt werden.
Der bariatrische Chirurg Andrew Jenkinson, Autor von Why We Eat Too Much, beschreibt diesen Mechanismus als ein „Zurückkämpfen“ des Körpers gegen Diäten. Starke Kalorienreduktionen können massiven Hunger und Energiesparen auslösen – ein Grund, warum Radikaldiäten so häufig in einen Jo-Jo-Effekt münden, sobald der anfängliche Motivationsschub nachlässt.
Warum die Umwelt Willenskraft zusätzlich belastet
Biologie wirkt nicht isoliert. Sie trifft auf ein Umfeld, das dauerhaft zu Überessen verleitet – vor allem durch günstige, stark verarbeitete Produkte.
Alice Wiseman, Leiterin des öffentlichen Gesundheitsdienstes in Newcastle, betont, wie schwer es ist, überhaupt zur Schule oder zur Arbeit zu kommen, ohne an mehreren Fast-Food-Angeboten vorbeizugehen. Schaufenster sind voller greller Bilder von Burgern, Pizza und zuckrigen Getränken. Selbst wer das Haus entschlossen verlässt, kann durch solche Reize Belohnungsnetzwerke im Gehirn aktivieren.
Lebensmittelkonzerne investieren gezielt in das Verständnis dieser Reaktionen. Sie kombinieren Salz, Zucker und Fett so, dass ein maximaler „Noch-ein-bisschen-mehr“-Effekt entsteht. Verpackung und Werbung werden so gestaltet, dass sie Stress, Langeweile und Nostalgie ansprechen. Unter solchen Bedingungen ist „Nein“ keine einzelne Entscheidung, sondern jeden Tag Dutzende kleiner Widerstandsakte.
- Gesunde Lebensmittel sind häufig teurer und benötigen mehr Zeit in der Zubereitung.
- Viele Berufe bestehen aus langen Sitzzeiten mit wenig Bewegung.
- Schichtarbeit stört den Schlaf und bringt Appetithormone aus dem Gleichgewicht.
- Stress, Schulden und unsichere Wohnverhältnisse machen schnelle „Comfort Foods“ besonders attraktiv.
Internationale Gesundheitsorganisationen erkennen inzwischen an, dass ein Fokus allein auf persönliche Verantwortung Bevölkerungsentwicklungen nicht umkehrt. Wenn Strassen, Schulen, Büros und Verkehrssysteme fortwährend kalorienreiche Optionen begünstigen, schwimmen Einzelne gegen eine starke Strömung.
Starre Willenskraft versus flexible Willenskraft
Auch die Psychologie stellt infrage, was mit „Willenskraft“ überhaupt gemeint ist. Eleanor Bryant von der University of Bradford unterscheidet zwischen einem starren und einem flexiblen Ansatz.
Starre Willenskraft setzt auf kompromisslose Regeln: nie Zucker, nichts mehr nach 19 Uhr essen, kein Training auslassen. Das wirkt gerade in den ersten Wochen oft beeindruckend. Gleichzeitig ist es fragil: Ein Stück Geburtstagskuchen oder eine verpasste Trainingseinheit gilt dann schnell als Scheitern. Die anschliessende Schuld führt häufig dazu, den Plan komplett aufzugeben.
Flexible Willenskraft wirkt weniger spektakulär, hält aber oft länger. Ziele und Grenzen bleiben bestehen, nur wird akzeptiert, dass das Leben dazwischenkommt. Eine stressige Woche, ein Familienfest oder eine Erkrankung beendet den Versuch nicht – es wird angepasst und fortgesetzt, statt „am Montag“ wieder bei null zu starten.
Menschen, die Rückschläge als Umwege statt als Katastrophen einordnen, erreichen eher langsame, dauerhafte Gewichtsveränderungen.
Diese flexible Haltung senkt zudem das Schamgefühl rund ums Essen. Das ist relevant, weil ausgeprägte Scham und Selbstkritik mit emotionalem Essen und heimlichem Snacken zusammenhängen – besonders spät am Abend.
Hin zu einem freundlicheren, integrierten Umgang mit Übergewicht
Unter Fachleuten setzt sich zunehmend die Sicht durch, dass nachhaltige Gewichtsabnahme dort entsteht, wo Biologie, persönliche Gewohnheiten und soziale Bedingungen zusammenlaufen. Das nimmt Menschen nicht die Handlungsfähigkeit, verschiebt die Erzählung aber weg von Schuldzuweisungen.
In der Praxis sprechen Klinikerinnen und Kliniker häufig über drei Ebenen:
| Ebene | Worum es geht | Beispiele |
|---|---|---|
| Biologisch | Genetik, Hormone, Signalverarbeitung im Gehirn | Hungerhormone, Sollwert, Medikamente, Schlaf |
| Verhalten | Alltägliche Entscheidungen und Routinen | Essenszeiten, Snacken, Art und Umfang von Bewegung |
| Umwelt | Rahmenbedingungen, die Entscheidungen prägen | Lebensmittelpreise, Arbeitszeiten, Zugang zu sicheren Bewegungsräumen |
Massnahmen, die nur eine Ebene adressieren, geraten oft an Grenzen. Ein perfekter Ernährungsplan scheitert, wenn jemand sich die Zutaten nicht leisten kann oder keine Möglichkeit hat, sie zu lagern und zu kochen. Eine Fitnessstudio-Mitgliedschaft hilft nicht, wenn chronische Schmerzen oder lange Schichten regelmässiges Training verhindern. Ein neues Medikament kann den Appetit dämpfen – doch anhaltender Stress oder Schlafmangel können die Nahrungsaufnahme trotzdem nach oben treiben.
Was das für alle bedeutet, die abnehmen möchten
Für Einzelne kann diese differenziertere Perspektive zugleich unangenehm und entlastend sein. Sie beendet die Illusion, dass ein kurzer Ausbruch heroischer Disziplin „alles repariert“. Gleichzeitig eröffnet sie zusätzliche Stellschrauben.
Zwei Beispiele zur Veranschaulichung.
Szenario 1: Die Person mit wiederholten Diäten
Wer sich bereits durch mehrere strenge Diäten gearbeitet hat, könnte beim nächsten Versuch den Anspruch halbieren. Statt auf schnellen Verlust zu zielen, wird das Gewicht drei Monate stabilisiert, während der Schlaf verbessert und zuckrige Getränke reduziert werden. Ein sanfterer Kurs kann die Alarmreaktionen des Körpers beruhigen, sodass spätere Fettverlust-Versuche weniger zu einem biologischen Kampf werden.
Szenario 2: Das Elternteil mit wenig Zeit
Ein Elternteil im Schichtdienst, mit Kinderbetreuung und starker Abhängigkeit von Lieferessen, kann möglicherweise nicht jeden Sonntag vorkochen. Trotzdem lässt sich eine verlässliche Ankergewohnheit wählen – etwa ein eiweissreiches Frühstück oder ein kurzer Spaziergang nach dem Abendessen – und an den meisten Tagen wiederholen. Kleine, gut wiederholbare Routinen können Appetit und Energielevel schrittweise verändern, ohne dauernd „Heldentaten“ zu verlangen.
Zentrale Konzepte, die oft genannt, aber selten erklärt werden
Mehrere Begriffe aus diesem Feld tauchen häufig auf, werden aber in Alltagssprache selten verständlich beschrieben.
Gewichts-Sollwert
Damit ist der Gewichtsbereich gemeint, den der Körper offenbar „verteidigt“. Liegt man darunter, steigt der Hunger und der Energieverbrauch sinkt. Liegt man deutlich darüber, erleben manche Menschen den gegenteiligen Effekt – weniger Appetit sowie mehr Unruhe, Zappeln und Bewegung. Genetik, Ernährung in der Kindheit, Schlaf, Stress und Medikamente können diesen Bereich mitbestimmen.
Appetithormone
Hormone wie Leptin, Ghrelin, GLP‑1 und weitere übermitteln Signale zwischen Fettgewebe, Darm und Gehirn. Radikaldiäten führen häufig zu abrupten hormonellen Verschiebungen und verstärken das Verlangen nach energiedichten Lebensmitteln. Einige moderne Abnehmmedikamente wirken, indem sie solche natürlichen Signale nachahmen – und dem Gehirn kleinere Portionen als ausreichend erscheinen lassen.
Eine zentrale Erkenntnis aus der aktuellen Forschung lautet: Abnehmen ist weniger ein Charaktertest als vielmehr eine langfristige Verhandlung mit Biologie und Umfeld. Schuldgefühle und moralische Bewertung helfen bei dieser Verhandlung selten. Neugier darauf, wie der eigene Körper reagiert, kombiniert mit stetigem, flexiblem Dranbleiben, trägt meist weiter als reine Willenskraft.
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