Zum Inhalt springen

Neue Analyse zu Adipositas-Medikamenten: Viel Gewichtsverlust, kaum mehr Lebensqualität

Frau sitzt auf Bett, sortiert Tabletten auf Nachttisch mit Messband, Waage und Medikamentenflaschen.

Eine breit angelegte neue Auswertung zu Adipositas-Medikamenten zeigt: Präparate, mit denen sich innerhalb eines Jahres ungefähr ein Siebtel des Körpergewichts reduzieren lässt, verbesserten kaum, wie Menschen ihre eigene Gesundheit einschätzten. Über Dutzende Studien hinweg schaffte es kein Wirkstoff, die Lebensqualität so stark zu steigern, dass es als echte, spürbare Veränderung gelten würde.

Damit gerät eine verbreitete Annahme ins Wanken, die den Boom der Abnehmspritzen mit antreibt: dass weniger Gewicht automatisch bedeutet, dass sich das Leben besser anfühlt. Zugleich wird die Abwägung für Patientinnen und Patienten klarer, denn häufig gingen die grössten Gewichtsverluste mit den meisten Nebenwirkungen einher.

Ein umfassender Vergleich

Für die Analyse wurden 262 randomisierte Studien zusammengeführt, an denen insgesamt fast 100.000 Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas teilnahmen. In allen Fällen wurde mindestens eines von 19 Medikamenten gegen eine Vergleichsgruppe getestet, die ausschliesslich Ernährungs- und Bewegungsmassnahmen erhielt – das war die Hürde.

Geleitet wurde die Arbeit von Sheyu Li, Professorin für Endokrinologie am West China Hospital der Sichuan University (SCU) in Chengdu, China, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus mehreren Ländern. Statt nur die Gewichtsveränderung zu betrachten, bewertete das Team jedes Präparat anhand von 24 getrennten Kenngrössen zu Nutzen und Schaden.

Gerade dieser breitere Blickwinkel unterscheidet die Studie. Die Auswahl des Medikaments ist demnach nur ein Baustein in einem grösseren Behandlungskonzept. Li sagte gegenüber Earth.com: „Individualisierte Entscheidungen für Menschen mit Adipositas sind sehr wichtig bei einer multimodalen Versorgung, die Medikamente, Lebensstil-Intervention und Verhaltensänderungen umfasst.“

Eine andere Auswertung aus dem Jahr 2025 hatte die neueren Injektionen bereits danach sortiert, wie viel Gewicht sie reduzieren. Offen blieb jedoch, ob sich dieser Gewichtsverlust tatsächlich in besserer Gesundheit niederschlägt – und welchen Preis man dafür zahlt.

Das Gewicht sank deutlich

Auf der Waage waren die Effekte gross. Tirzepatid, das zur Behandlung von Adipositas und Diabetes eingesetzt wird, sowie CagriSema, eine neuere Kombination, die noch in der regulatorischen Prüfung ist, reduzierten im Vergleich zu reinen Lebensstiländerungen innerhalb eines Jahres jeweils fast 15% des Körpergewichts.

Semaglutid, der Wirkstoff hinter Ozempic und Wegovy, lag knapp darunter. Als Injektion verringerte er das Gewicht um etwa 10%, während eine neuere Tablettenform näher an 11% herankam. Zwei weitere Mittel, Orforglipron und Phentermin-Topiramat, lagen im Bereich von 8 bis 10%.

Zur Einordnung: Bei Tirzepatid oder CagriSema erreichten innerhalb eines Jahres etwa ein Drittel bis die Hälfte der Behandelten eine Gewichtsreduktion von mindestens 20% – im Vergleich zu rund 2% in der Gruppe mit Lebensstiländerungen allein. Solche Rückgänge nähern sich dem an, was manche bariatrische Operationen erzielen.

Das Leben fühlte sich nicht besser an

Die Lebensqualität, erfasst über standardisierte Fragebögen zu körperlicher Funktionsfähigkeit, Energie, Schmerz und Stimmung, veränderte sich kaum – unabhängig davon, welches Medikament eingesetzt wurde.

Als Schwelle für eine klinisch bedeutsame Verbesserung definierten die Forschenden zehn Punkte auf einer 100-Punkte-Skala. Die Präparate mit den besten Werten kamen auf etwa vier Punkte oder weniger; die meisten lagen noch darunter.

Das bedeutet: Jemand kann ungefähr ein Siebtel seines Körpergewichts verlieren und dennoch angeben, sich insgesamt ähnlich zu fühlen wie zuvor. Dieses Muster zeigte sich durchgängig in den ausgewerteten Studien.

Es trat bei allen Medikamenten auf, für die solide Evidenz vorlag – basierend auf 43 Studien mit mehr als 45.000 Personen. Warum diese Lücke besteht, ist nicht abschliessend geklärt.

Möglich ist, dass Nebenwirkungen einen Teil des emotionalen Gewinns durch den Gewichtsverlust wieder aufzehren. Ausserdem könnte ein Jahr zu kurz sein, bis Verbesserungen bei Stimmung und Alltagstätigkeiten sichtbar werden.

Ein weiterer Erklärungsansatz: Der Nutzen verteilt sich vermutlich nicht gleichmässig. Am ehesten profitieren jene, deren Gesundheit durch das Gewicht besonders stark gefährdet ist. Li sagte gegenüber Earth.com: „Insbesondere Erwachsene mit Adipositas und höherem kardiovaskulärem Risiko werden ihre Lebensqualität definitiv verbessern, indem sie ihre Risiken senken.“

Der Preis des Abnehmens

Ausgerechnet die Wirkstoffe, die am meisten Gewicht reduzierten, verursachten tendenziell auch die meisten Nebenwirkungen.

Übelkeit, Erbrechen und Durchfall nahmen unter den stärksten Mitteln deutlich zu – etwa auf das Drei- bis Vierfache im Vergleich zu Lebensstiländerungen. Auch Müdigkeit trat häufig auf.

Bei einem älteren Kombinationspräparat, Naltrexon-Bupropion, stieg das Risiko sogar nahezu auf das Neunfache – das entsprach über 300 zusätzlichen Fällen von Müdigkeit pro 1.000 Behandelte innerhalb eines Jahres.

Muskelmasse und Therapieabbrüche

Neuere Mittel wie Orforglipron und CagriSema gingen mit kleineren, aber messbaren Zunahmen an Nebenwirkungen einher. Solche Beschwerden führen dazu, dass Menschen die Behandlung abbrechen.

Bei Orforglipron war die Abbruchrate etwa viermal so hoch wie bei Lebensstiländerungen allein.

Beobachtungen aus der Versorgungspraxis deuten darauf hin, dass rund die Hälfte die Medikamente unabhängig vom Wirkstoff innerhalb des ersten Jahres absetzt. Zudem reduzieren diese Therapien nicht nur Fett, sondern auch Muskelmasse.

Der stärkste Rückgang der fettfreien Masse zeigte sich unter Tirzepatid: Das Präparat senkte die Fettmasse um etwa ein Viertel, nahm aber zugleich mehr als acht Prozent der fettfreien Gewebemasse.

Für ältere Menschen oder alle, bei denen Gebrechlichkeit droht, ist dieser Verlust eine zusätzliche Sorge. Die Studie gibt nicht vor, wie diese Aspekte gegeneinander aufzuwiegen sind. Auf die Frage von Earth.com, wie Patientinnen und Patienten diese Abwägung angehen sollten, sagte Li: „Jeder sollte den Trade-off auf Grundlage individueller Werte und Präferenzen abwägen.“

Ein Wirkstoff sticht heraus

Ein Ergebnis hob sich deutlich ab: Injizierbares Semaglutid war das einzige Medikament, das mit einem geringeren Risiko verbunden war, an irgendeiner Ursache zu sterben – es senkte dieses Risiko um ungefähr ein Fünftel – und zugleich traten weniger Herzinfarkte auf.

Dieser Vorteil stützt sich stark auf eine grosse Studie mit Menschen, die bereits an einer Herzerkrankung litten: Dort verringerte das Medikament das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Todesfälle durch Herzerkrankungen um etwa 20%. Sowohl Semaglutid als auch Tirzepatid reduzierten ausserdem das Risiko einer Herzinsuffizienz.

Unterm Strich gewinnt kein einzelnes Präparat in allen Kategorien. Tirzepatid und CagriSema führen beim reinen Gewichtsverlust, während injizierbares Semaglutid die stärkste Evidenz dafür hat, die Lebenserwartung zu verbessern. Genau deshalb beschreibt das Team die Entscheidung als Bündel von Abwägungen – und nicht als Suche nach der einen besten Tablette.

Wenn die Medikamente abgesetzt werden

Der Nutzen hängt zudem davon ab, ob die Therapie fortgeführt wird. Eine aktuelle Übersicht über 37 Studien ergab, dass Menschen nach dem Absetzen im Schnitt etwa 0,9 Pfund (rund 0,4 kg) pro Monat wieder zunehmen und innerhalb von ungefähr zwei Jahren in Richtung ihres Ausgangsgewichts zurückdriften.

Für viele wird die Behandlung von Adipositas dadurch zu einer langfristigen Verpflichtung statt zu einer kurzen Kur. Die Folgen reichen weiter: Arzneimittelkosten, fortlaufende Kontrolle von Nebenwirkungen und die Frage, wie Gesundheitssysteme Millionen dauerhafter Verordnungen finanzieren.

Die Studie macht deutlich, dass Gewichtsverlust und Wohlbefinden nicht dasselbe sind – und dass die heutigen Medikamente Ersteres wesentlich verlässlicher liefern als Letzteres. Für Ärztinnen, Ärzte und Betroffene lautet die zentrale Frage daher nicht mehr nur, wie viel Gewicht verschwindet, sondern auch, was man dafür eintauscht – und ob sich das dauerhaft durchhalten lässt.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen