Beliebte Medikamente wie Ozempic, Wegovy, Mounjaro und Zepbound könnten neben Gewichtsreduktion und besserer Diabeteskontrolle noch einen weiteren, unerwarteten Vorteil haben. Eine neue Untersuchung mit Daten von mehr als 110.000 Frauen zeigt: Wer GLP-1-Medikamente einnahm – also Wirkstoffe aus einer Klasse, zu der auch semaglutidbasierte Präparate wie Ozempic und Wegovy gehören – erkrankte deutlich seltener an Brustkrebs.
Die Ergebnisse wurden auf der Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2026 vorgestellt und in JCO Oncology Practice veröffentlicht. Laut den Forschenden war die Wahrscheinlichkeit für Brustkrebs bei Anwenderinnen von GLP-1-Medikamenten im Vergleich zu Frauen ohne dokumentierte Einnahme um rund 30 % reduziert.
„Obwohl unsere Studie beobachtend ist und nicht definitiv eine Verbindung zwischen GLP-1-Medikamenten und einer geringeren Brustkrebsinzidenz bestätigt, trägt sie zur wachsenden Evidenzbasis bei, die dafür spricht, dass es sich lohnt, diese Medikamente zur Gewichtsabnahme als potenzielle Instrumente zur Krebsprävention zu untersuchen“, sagte Elizabeth McDonald, MD, PhD, Professorin für Radiologie an der Perelman School of Medicine der University of Pennsylvania und praktizierende Brust-Radiologin am Abramson Cancer Center der University of Pennsylvania.
Ozempic weckt Interesse in der Krebsforschung
GLP-1-Medikamente ahmen ein körpereigenes Hormon nach, das Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1), welches Appetit und Blutzuckerwerte mitsteuert. Zu dieser Wirkstoffklasse zählen semaglutidbasierte Präparate wie Ozempic und Wegovy sowie tirzepatidbasierte Medikamente wie Mounjaro und Zepbound. Obwohl diese Arzneimittel ursprünglich für die Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt wurden, gehören sie in den Vereinigten Staaten inzwischen zu den am häufigsten eingesetzten Medikamenten zur Gewichtsabnahme.
In den vergangenen Jahren deuteten mehrere Beobachtungsstudien darauf hin, dass GLP-1-Medikamente mit einem geringeren Risiko für bestimmte Krebsarten oder mit besseren Ergebnissen bei Krebsüberlebenden zusammenhängen könnten. Gleichzeitig betonen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass Beobachtungsdaten allein keinen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang belegen können. Um zu klären, ob die Medikamente das Krebsrisiko tatsächlich direkt senken, sind weiterhin grosse prospektive, klinische Studien erforderlich.
Um dieser Frage nachzugehen, arbeiten McDonald und ihr Team an der Vorbereitung einer multizentrischen klinischen Studie. Darin soll geprüft werden, ob GLP-1-Medikamente die Brustkrebsinzidenz bei Frauen mit erhöhtem Risiko senken können – darunter auch Frauen mit einer entsprechenden Vorerkrankung.
„GLP-1-Medikamente sind aus Sicht der Krebsforschung interessant, weil sie nicht als Krebstherapie entwickelt wurden, aber mehrere Ziele und Signalwege beeinflussen, die mit der Krebsentstehung verbunden sind – deshalb freuen wir uns darauf, sie in diesem Kontext zu untersuchen“, sagte McDonald.
Studie zeigt niedrigere Brustkrebsraten
Für die Analyse wertete das Forschungsteam elektronische Gesundheitsakten von 111.646 Frauen im Alter von 45 bis 80 Jahren aus. Alle hatten einen Body-Mass-Index (BMI) von 25 oder höher und liessen zwischen Januar 2022 und Juni 2025 im Gesundheitssystem von Penn Medicine eine Brustbildgebung durchführen.
Von diesen Frauen hatten 15.264 (13,7 %) dokumentierte Verordnungen für GLP-1-Medikamente, während bei 96.382 (86,3 %) keine dokumentierte Exposition gegenüber diesen Medikamenten vorlag.
Die Forschenden betrachteten neue Brustkrebsdiagnosen in zwei getrennten Auswertungen. Die erste umfasste die gesamte Studienpopulation von 111.646 Frauen. Die zweite bestand aus einer gematchten Kohorte von 30.528 Frauen: Jede GLP-1-Anwenderin wurde einer Nicht-Anwenderin mit ähnlichen Merkmalen zugeordnet, darunter Alter, „race“, Ethnie, BMI, Brustdichte sowie das Vorliegen von Diabetes. Dieses Vorgehen sollte Verzerrungen reduzieren und mögliche Störfaktoren besser berücksichtigen.
In beiden Analysen ergab sich ein sehr ähnliches Bild. In der Gesamtpopulation war die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken, bei Frauen mit GLP-1-Medikamenten um 35,1 % geringer. In der gematchten Auswertung lag die Reduktion bei 30,5 %.
Die Autorinnen und Autoren nannten mehrere Einschränkungen der Studie. So wurde nicht zwischen einzelnen Präparaten wie Ozempic, Wegovy, Mounjaro oder Zepbound unterschieden. Zudem wurden weder die Behandlungsdauer noch genetische Risikofaktoren, das Krebsstadium oder der Tumorsubtyp berücksichtigt. Weitere Analysen sind geplant, um einige dieser Variablen gezielt zu untersuchen.
Warum Medikamente zur Gewichtsabnahme das Brustkrebsrisiko beeinflussen könnten
Dass ein gesundes Körpergewicht für die Vorbeugung von Brustkrebs bedeutsam ist, gilt in der Wissenschaft seit Langem als gesichert. Übergewicht – insbesondere nach der Menopause – ist ein etablierter Risikofaktor für diese Erkrankung.
Da GLP-1-Medikamente die Gewichtsabnahme sehr wirksam unterstützen, könnte ein Teil des beobachteten Effekts auf der Gewichtsreduktion beruhen. Dennoch gehen die Forschenden davon aus, dass zusätzlich weitere biologische Mechanismen eine Rolle spielen könnten.
Chronische, niedriggradige Entzündungen werden schon lange als möglicher Mitverursacher für die Entstehung von Brustkrebs diskutiert. GLP-1-Medikamente sind dafür bekannt, Entzündungsprozesse über verschiedene Wege zu dämpfen. Ausserdem beeinflussen sie den Stoffwechsel und könnten epigenetische Prozesse verändern, die die Genaktivität mitregulieren. Nach aktuellem Verständnis könnten diese kombinierten Effekte dazu beitragen, die Entwicklung von Brustkrebs zu unterdrücken.
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